Spar Präsident Dr. Gerhard Drexel

Exklusiv – Interview mit Spar Präsident Dr. Gerhard Drexel

REGAL exklusiv mit Gerhard Drexel

  • Eigen- und Herstellermarken
  • Auslistung und Sortimente
  • Gewinne von Spar
  • Probleme mit Zucker und Plastik

Regal: Die Spar lief 2018 sehr gut. Sie war nach drei Quartalen Wachstumssieger in der Branche? Wo sehen Sie dafür die Ursachen. Was macht Spar so stark?
Drexel: Wir sind sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Jahres 2018. Es sieht ganz danach aus, dass wir auch 2018 als Wachstumsführer im LEH abschließen. Damit sind wir die letzten neun Jahre neun Mal in Folge Wachstumsführer unter den Vollsortimentern geworden. Wenn man den Diskont einbezieht, sind wir in den letzten neun Jahren sieben Mal Wachstumsführer geworden.

Neunmal Wachstumsführer ist ein Erfolg. Gratulation! Was sind die Ursachen für diesen Erfolg. Was macht Spar stark?
Sie fragen nach den Ursachen. Es ist zum einen unser starker Auftritt im sogenannten „magischen Dreieck“: Sortiment, Marketing, Vertrieb. Und es ist unser phantastisches Team an Mitarbeitern und Führungskräften sowie unsere Kraft zur ständigen evolutionären Erneuerung unserer Supermärkte und Hypermärkte.
Also zum einen Erneuerung als Erfolgsursache, zum anderen aber Stabilität und Kontinuität: Wir legen sehr hohen Wert auf Stabilität im Management und in unserer Unternehmenspolitik, das heißt, keine ständigen Umstrukturierungen und unternehmenspolitischen Kehrtwendungen. Kurzum, es ist dieser ganz spezielle „Spirit of Spar“, dieser legendäre Gründergeist, der uns beflügelt und beseelt.

Die selbstständigen Kaufleute sind unverzichtbares Rückgrat der Spar. Waren sie auch 2018 die Wachstumstreiber?
Unsere selbstständigen Spar-Kaufleute sind das Herz und lebendige Zentrum der Spar. Mit einem sensationellen Like-for-like-Wachstum – also Umsatzwachstum auf unveränderter Fläche – von deutlich über drei Prozent per Ende November sind sie auch 2018 eindeutige Wachstumstreiber.

Haben Sie Probleme im Nachwuchs für Selbstständige? Konkret: Zieht es junge Menschen in die Selbständigkeit oder meiden sie diese?
Wir haben viel Freude mit dem Einzelhandels-Nachwuchs. Wir sehen das selbstständige Führen eines Marktes ja als die höchste Stufe der Karriereleiter eines Sparianers. Für das Betreiben eines Einzelhandels-Standortes bieten wir einen eigenen Unternehmerlehrgang, der einerseits von den Söhnen und Töchtern bestehender Spar-Kaufleute, von Mitarbeitenden aus dem Filialbereich, aber auch von Quereinsteigern rege genutzt wird. 57 Teilnehmende können wir schon verzeichnen.
Dass Selbstständigkeit ein Wunsch vieler ist, sieht man auch daran, dass wir in den vergangenen fünf Jahren fast 100 EH-Standorte an Spar-Mitarbeitende oder externe Interessenten vergeben konnten.

Es gibt aus der politischen Aktualität zur Zeit drei Problemfelder … Da ist zunächst einmal Zucker. Wie geht Spar damit um?
Gesunde Ernährung ist ein brandaktuelles Thema, dem wir uns als Lebensmittelhändler seit vielen Jahren mit Freude widmen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2020 gut 1000 Tonnen Zucker aus unseren Spar-Eigenmarkenprodukten zu verbannen. Die Reduktionsmaßnahmen haben wir Anfang 2017 gestartet und sind jetzt auf einem ganz tollen Weg: 400 Tonnen Zucker haben wir bereits aus über 200 Eigenmarkenprodukten entfernt. Wir setzen auf die Evolution des Geschmacksempfindens der Konsumenten, d.h. die Konsumenten gewöhnen sich mit Freude an weniger süße Produkte und nach wenigen Jahren erscheinen selbst diese Produkte als zu süß. Dann werden wir die nächste Runde der Zuckerreduktion einleiten …

Problem „Kunststoff-Sackerl“ etc .
Was die Plastikdiskussion angeht, so hoffe ich, dass wir hier zu einer vernünftigen Diskussion gelangen. Derzeit wird das Thema zu einseitig betrachtet. Kunststoff an sich ist ja ein guter Rohstoff, der viele Vorteile bietet, gerade auch als Verpackung. Wir prüfen im Rahmen eines unternehmensweiten Projekts nach dem Prinzip „Vermeiden, Reduzieren, Recyclen“, wie man langfristig noch mehr zur Ressourcenschonung beitragen kann. Uns ist es ein Anliegen, Verpackungen nicht zu verbannen, sondern die Rohstoffe möglichst lange im Kreislauf zu halten. Bereits beim Design der Verpackungen muss an die spätere Verwertung gedacht werden.

Beispiele?
Ein Beispiel in diesem Zusammenhang möchte ich nennen: Bei Spar enjoy wurden bereits Ende 2017 die Verpackungen der Sandwiches von Plastik auf beschichtete Papier-Verpackung mit Sichtfenster umgestellt – allein dadurch werden jährlich 23 Tonnen Plastik eingespart. Langfristig sollen alle Verpackungen von Spar-Eigenmarken recyclingfähig sein. Aber auch im Vertrieb setzen wir Akzente: Wir testen Mehrweg-Boxen in der Feinkost und Mehrweg-Netze für den Einkauf von Obst und Gemüse.

Und schließlich die geradezu lächerliche EU-Diskussion über das Verbot von Händler­gemeinschaften.
Ja, das war wieder einmal so ein echter Streich der EU. Der ursprüngliche Plan, hinter dem ja auch wir stehen, nämlich, dass ­kleine landwirtschaftliche Betriebe und Manufakturen geschützt werden, wurde durch Lobbyisten der internationalen Markenartikel-Konzerne in eine Farce verwandelt. Plötzlich sollten Händler-Einkaufsgemeinschaften verboten werden und Händler keine Qualitätsstandards mehr verlangen dürfen, die über das gesetzliche Mindestmaß hinausgehen! Quasi staatlich verordneter Stillstand, wie im Mittelalter. Ich bin immer wieder sprachlos über solche Ideen. Wir haben gemeinsam mit den europäischen Händlerver­einigungen dagegen protestiert.
Schade, dass sich die EU aber vor allem auch durch bürokratische Vorgaben definiert, die sich als Schikanen gegenüber Händlern und Gastronomen auswirken: Jedes Jahr eine neue Verordnung! Nach der Allergen-Verordnung, der Lebensmittelinformations-Verordnung, der Datenschutz-Grundverordnung, jetzt neu: die Herkunftskennzeichnungs-Verordnung.

Jeder der bisherigen Spar-Präsidenten hatte seine eigenen Schwerpunkte. Sie selbst setzten neben einer gewaltigen Expansion auf eine spezielle Sortimentspolitik, die stark an die Schweizer Migros erinnert. Unter Ihrer Führung stieg der Anteil der Eigenmarken auf 45 Prozent. Und er soll sich weiter auf 5o Prozent erhöhen. Sie nennen das ihren „Unabhängigkeitsindex“. Worin liegt für Spar der Vorteil von Eigenmarken. Was bringen sie dem Konzern bzw. den Kaufleuten, was den Konsumenten?
Ich darf mit einer Klarstellung beginnen. Nur zehn Prozent des Sortiments der Migros besteht aus Markenartikeln, also Herstellermarken. Von unserem Großhandelsumsatz entfallen hingegen 55 Prozent auf Markenartikel – also Herstellermarken. Was die Auswahl betrifft, so haben wir bei Interspar die größte Vielfalt an Markenartikeln im österreichischen LEH: nämlich über 40.000 Markenartikel im Sortiment.

Wo liegt der Vorteil von Eigen­marken?
Ja, jetzt zu Ihrer Frage nach den Eigenmarken: Unsere Eigenmarken ermöglichen uns Differenziertheit und Einzigartigkeit im Wettbewerb und damit Profilierung. Mit den Spar-Eigenmarken-Linien können wir Trends frühzeitig aufgreifen, oft sogar antizipieren, höhere Qualitätsstandards selbst bestimmen und den Kunden schnell und flexibel ihre Wünsche erfüllen. Das meine ich mit „Unabhängigkeitsindex“. Wir müssen nicht warten, bis die Industrie was tut, wir können selber gestalten. Dass das bei den Kunden sehr gut ankommt, dafür spricht die Tatsache, dass wir seit neun Jahren Wachstumsführer sind. Das wiederum ist etwas, was jeden Händler, uns und die Kaufleute freut.

Und die Erträge?
Ja, für unsere Spar-Kaufleute und Filialen sind unsere Eigenmarken darüber hinaus zum einen wichtige Ertragsbringer, zum anderen aber auch eine wirksame Anti-Diskont-Waffe.

Der Handel, auch die Spar, klagt darüber, dass die Markenartikler nur Line Extensions aber zu wenige echte Innovationen bieten würden. Welche konkreten Beispiele gibt es dafür? Haben Sie konkret schon von Start-ups profitiert?
Die Industrie denkt bei neuen Artikeln mehr an die Maschinenauslastung und Börsennachrichten. Unter diesem Blickwinkel sind Sortenerweiterungen und die Transformation der Marke in andere Kategorien eine scheinbar sichere Lösung. Echte Innovationen entstehen aber erst, wenn man auf die Bedürfnisse der Menschen hört. Diese Fähigkeit haben große Konzerne oft verlernt. Hier ein paar Beispiele: Aus Duschgel Men Fresh Elements wird Men Sport Active Fresh, aus Weichspüler Glamour wird Elegance und der WC-Stein Einhorn wird von Alpaka abgelöst.

Verzichtbare bzw. unverzichtbare Marken. Sie haben Schweppes ausgelistet und durch eine Eigenmarke ersetzt. Das einzige Beispiel für eine Auslistung?
Bleiben wir bei den Fakten: Wir haben Schweppes nicht ausgelistet. Krombacher hat uns mit einem Lieferstopp belegt, nachdem wir eine deutlich überhöhte sachlich ungerechtfertigte Preiserhöhung nicht akzeptiert haben. In den letzten Monaten sind ohne unser Zutun bekannte Marken aus unserem Sortiment rausgefallen, ohne, dass es zu Kundennachfragen geführt hätte – zum Beispiel: Nestea oder Toniʼs Freilandeier. Für manche Marken gilt ein denkwürdiger Dreiklang: bekannt, aber bedeutungslos und deshalb auslistbar.

Die Konfrontation Industrie/Handel wird härter. In Deutschland wurden von einigen Handelsbetrieben bestimmte Lieferanten unter Druck gesetzt, der da lautete: „Entweder ihr Lieferanten erfüllt unsere Handelsforderungen oder wir listen euch aus.“ Folgen Sie diesem Kurs der Härte gegenüber der Industrie?
Es ist keine Frage der Durchsetzungshärte. Viel mehr fokussieren wir auf eine faire und leistungsgerechte Lieferantenpartnerschaft auf Basis der Konsumentenwünsche. Für einige Lieferanten ist es allerdings hart zu erkennen, dass ihre Produkte bzw. Marken bei den Konsumenten an Relevanz verloren haben und maßlos überdehnte Sortimente nicht genug Drehung erreichen. Auf der anderen Seite steigt unsere Leistung gegenüber den Lieferanten: Wir bieten ihnen ein deutlich und nachhaltig gesteigertes Absatzpotenzial aufgrund unserer von Jahr zu Jahr sig­nifikant gesteigerten Marktanteile.

Wie sieht nun ein Sortiment im Regal aus? Was ist da Ihre Modellvorstellung? Es gibt in einem Sortiment mit starken Marken Preis-Einstiegsmarken, Eigenmarken, regionale Marken, Qualitätsmarken. Oder?
Für jeden Sortimentsbereich gilt: Unsere Sortimente sollen eine Struktur haben, einer Logik folgen, die gesamte Bandbreite der Konsumentenbedürfnisse abdecken und für die Kunden eine Übersicht und Orientierung bieten.

Bitte ein Bespiel.
Ja, ich gebe Ihnen ein Beispiel: unser Eis-Sortiment. Wir führen große Familienpackungen unter der Marke S-Budget sowie der beliebten Spar-Qualitätsmarke, gesundes Eis unter der Marke Spar Vital, laktosefreies Eis unter der Marke Spar free from, veganes Eis unter Spar Veggie, eine große Auswahl an Bio-Eis unter Spar Natur pur sowie unter der Marke Spar Premium Edition Johanna Maier traumhafte Eiskreationen unserer Hauben-Köchin Johanna Maier. Darüber hinaus führen wir eine sehr breite Auswahl des Marktführers Eskimo sowie des Marken-Followers Schöller sowie der Spezialmarken Mövenpick, Ben & Jerry sowie Häagen Dazs. Worauf wir besonders stolz sind: Eine große Auswahl unserer Eigenmarken erzeugt unser Partnerlieferant Valentino in der Steiermark. Die Herstellermarken kommen hingegen alle aus dem Ausland.

Sie persönlich beklagen oft die hohen Gewinne der internationalen Konzerne und die niedrigen Erträge im Handel. Wie hoch war der Spar Gewinn in der letzten Bilanz?
Die Gewinne der inter­nationalen Markenartikelkonzerne sind tatsächlich signifikant höher als jene im Lebensmittelhandel. Während die großen internationalen – ich betone: internationalen – Markenartikelkonzerne Umsatzrenditen vor Steuer von zehn bis 30 Prozent erzielen, sind die durchschnittlichen Umsatzrenditen im europäischen Lebensmittelhandel zwischen eins bis drei Prozent vom Netto-Umsatz. Die Spar Österreich-Gruppe erzielte 2017 ein EBT von 302 Mio. Euro, das entspricht einer EBT-Quote von drei Prozent vom Netto-Umsatz.

Was erwarten Sie für Spar im Jahr 2019? Hält die Konjunktur an?
Ich kann nur jedem raten, sich nicht auf eine – wie immer ausgeprägte – Fortsetzung der Konjunktur zu verlassen. Wir machen seit vielen Jahren unsere eigene Firmenkonjunktur. Wir sind zuversichtlich, dass uns dies auch 2019 gelingen wird.

Wird der wilde Wett­lauf um Standorte und das bestehende Over-Storing im Handel im Falle einer Rezession zu einer Krise im Handel führen?
Auch im Handel wird sich – unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung – die Tendenz zur Marktkonzentration und Oligopolbildung fortsetzen. Darüber muss man sich nicht wundern. Das ist in einer Marktwirtschaft systemimmanent. Im Falle einer Rezession wird sich allerdings die Spreu schneller vom Weizen trennen. Für uns ist deshalb immer wichtig, bei der Expansion auf Qualität statt Quantität zu setzen, d.h. Expansion mit Augenmaß zu praktizieren.

Danke für das Interview. Es war mein letztes als Geschäftsführer von REGAL. Ich danke Ihnen, dem Vorstand und all den Spar- Mitarbeitern und den vielen tollen Kaufleuten für Jahre großartiger Zusammenarbeit. Euch allen wünsche ich viel Erfolg.

Manfred Schuhmayer