REGAL-Interview mit Lidl Österreich Vorsitzenden der Geschäftsleitung Mag. Christian Schug

Lidl: Die Offensive

  • Mehr als 100 Millionen Euro werden 2019 in Flotte investiert
  • Metropol-Filialen in Städten, neues Logistikprojekt in Großebersdorf

REGAL: 2017 konnte Lidl in Österreich einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro erzielen. Ein Plus von knapp zehn Prozent. Setzt sich dieser Weg fort?
Christian Schug: Wir haben unser Geschäftsjahr noch nicht abgeschlossen, aber wir können jetzt schon sagen: In einem herausfordernden Umfeld sind wir wieder gewachsen. Es wird aber nicht leichter, es gibt viele Herausforderungen zu meistern. Und trotzdem haben wir Umsatz, Frequenz und Marktanteile gesteigert und dazugewonnen.

Aber mit geringerem Tempo?
Ja. Wir wachsen, aber nicht mehr in der Größenordnung wie im letzten Jahr. Der Gesamtmarkt entwickelt sich nur langsam, es gibt immer mehr Player. Es gibt einen wachsenden Out-of-Home-Konsum, eine steigende Anzahl von Speisenzustellern, eine laufende Änderung der Konsumgewohnheiten und des Marktes.

Welche Rolle spielt dabei Online?
Der Online-Handel mit Lebensmitteln ist so lange ich mich damit beschäftige bei rund einem Prozent und nicht gewachsen. Ich glaube nicht daran, dass aktuell Lebensmittel in diesem Absatzkanal wirtschaftlich verkauft werden können. Der POS ist und bleibt hier sehr wichtig. Aber es werden andere Kanäle relevant.

Das heißt, Lidl Österreich wird keine Lebensmittel in einem Online-Shop anbieten?
Nein. Einen Online-Food-Store planen wir derzeit noch nicht. Aber wir arbeiten weiter an der Ergänzung unserer Marke: Beispielsweise haben wir zuletzt mit Lidl bringt’s erfolgreich ein Non Food Zustellservice gelauncht, wo wir Warengruppen anbieten können, die wir bisher nicht im Programm hatten – vom E-Bike bis zum Kühlschrank. Dazu gibt es Online-Angebote für Reisen und Fotoausarbeitung. Und wir beschäftigen uns weiter mit dem Thema Digitalisierung. Bestes Beispiel: Im letzten Jahr haben wir die neue Lidl Vorteils-App ins Leben gerufen. Heute nutzen sie mittlerweile über 500.000 User. Die digitale Kundenkarte bringt unseren Kunden jede Menge Vorteile wie den digitalen Kassenbon, Rabatte und Gutscheine, Loyalitätsprogramme und vieles mehr.

Wie sieht das Sortiment von Lidl aus. Zuletzt arbeiteten Sie mit einem Sortiment von 1.600 Artikeln?
Das ist nach wie vor so. Wir haben ein Grundsortiment von 1.600 Produkten. Dazu kommen noch rund 8.000 Aktionsartikel jährlich. So schaffen wir Vielfalt zu einem Top Preis-Leistungs-Verhältnis.

Wie wichtig sind dabei Marken?
Unser Fokus liegt klar auf Eigenmarken. Die Relation ist in etwa bei 80:20 und das wird auch so bleiben. Denn: Österreich ist markenaffin, damit sind In/Out-Aktionen auch eine besonders wertvolle Ergänzung.

Muss jede Neuheit den Weg über In/Out-Aktionen gehen, um einen fixen Listungsplatz zu bekommen?
Nicht unbedingt. Da gibt es keine festen Regeln, keinen fixen Weg. Wir sind ständig dabei, das richtige Sortiment für die Bedürfnisse unserer Kunden aufzustellen. Da gibt es das angesprochene Grundsortiment genauso wie strategische Produkte.

Müssen die Lieferanten das gesamte Lidl-Netz beliefern können, um gelistet zu werden?
Nein. Wir sind längst dabei, uns zu regionalisieren und machen das auch schon erfolgreich. Ein Beispiel ist dabei die Zusammenarbeit mit der ‚Genuss Region Österreich‘.

Das heißt, die Lidl-Sortimente müssen sich von Standort zu Standort nicht gleichen?
Unser Kernsortiment ist überall das gleiche. Aber gerade im Sinne der Regionalisierung bringen wir in einzelnen Regionen unterschiedliche Produkte in die Regale. Auch hier ein Beispiel: Milch und Butter in den Salzburger Lidl-Filialen kommen von der SalzburgMilch. In der Steiermark, Niederösterreich oder Tirol kann das anders ausschauen, da haben wir dann andere regionale Lieferanten. Wir berücksichtigen aber auch die Abverkaufszahlen. Ein bestimmter Artikel kann hier sehr beliebt sein und ein paar Kilometer weiter gar nicht funktionieren. Darauf nehmen wir standortspezifisch Rücksicht und testen laufend regional. Dennoch: Das Kern-Sortiment mit unseren 1.600 Artikeln wird immer gleich sein. Darauf können sich unsere Kunden verlassen.

Welche Bedeutung hat die österreichische Herkunft?
Die nimmt laufend zu. Fast 50 Prozent aller verkauften Lebensmittel stammen aus Österreich. Das sind immerhin über 350 Millionen österreichische Produkte, die jährlich über das Kassenband gehen. Wobei wir weiter dabei sind, als österreichischer Händler die heimischen Sortimente auszubauen. Nicht zu vergessen ist auch, dass heimische Unternehmen in der Zusammenarbeit mit Lidl pro Jahr rund 650 Millionen Euro umsetzen, davon alleine 200 Millionen durch Exporte in andere Lidl-Länder. Wir haben uns einen guten Ruf erarbeitet, sind international ein gern gesehener Partner.

In Deutschland ging ein Mini-Fenster für einen neuen Hard-Diskont auf. Ist das auch in Österreich denkbar?
Wir bedienen mit unseren Preis-Einstiegs-Produkten nach wie vor auch die preissensiblen Kunden. Wir werden dieses Konzept des Preis-Einstiegs nie verlassen. Trotzdem kaufen wir dabei nicht auf Spot-Märkten ein. Nur geprüfte Qualitäten und Top-Lieferanten haben die Chance, bei uns ins Sortiment zu kommen.

Welche Verkaufsfläche würden Sie sich für den perfekten Lidl-Markt wünschen?
Wünschen würde ich mir mindestens 800 m2 Verkaufsfläche. Eine Größe, ab der wir unser Sortiment am besten darstellen können.

Die Realität sieht anders aus?
Der Verkaufsflächen-Durchschnitt liegt mittlerweile bei über 800 m2. Dennoch haben wir eine Varianz von 470 m2 bis 1.200 m2. Ein Umstand, der sich nicht ändern wird, weil es die Raumordnung in einigen Bundesländern nicht anders zulässt. Das macht es nicht einfach, mit einem entsprechenden System zu arbeiten und überall die gleiche Sortiments-Mindestgröße zu erreichen. Der Konsument wünscht sich entsprechende Sortimente, die Limitierung auf eine derartige Untergrenze ist zu hinterfragen. 1998 hat vielleicht noch ein Sortiment von 1.000 Produkten gereicht, das ist längst nicht mehr so.

Die Metropol-Filiale wird forciert?
Das bleibt ein Konzept für Städte. Dort wird es keine Stand-Alone-Lösungen mehr geben. Die Flächen sind begrenzt, die Quadratmeter-Preise dementsprechend hoch. Deshalb geht es klar Richtung Multi-use-Standorten.

Besonders in Wien?
In Wien und anderen Großstädten wird eine Expansion nur noch auf zwei Wegen funktionieren. Multi-use-Projekte und die Übernahme und Adaptierung bestehender Standorte.

Gibt es bereits neue Realisierungen des Konzepts?
Wir haben den Pilotmarkt in der Wiener Sagedergasse auf den Weg gebracht. Aktuell im Bau ist ein Markt in der Wiener Laxenburgstraße, wo mit unserem Lidl-Markt ein Kindergarten entstehen wird. Auch im Grazer Citygate ist ein weiteres Projekt auf Schiene. Über dem Markt gibt’s dann ebenfalls einen Kindergarten und Wohnungen.

Die Expansion wird damit aber komplexer?
Das ist definitiv so, weil ja auch die ganze Planung durch den Projektumfang zunimmt. Wir kümmern uns nicht nur um einen neuen Lidl-Markt, sondern auch um die Planung für Kindergärten, Wohnungen oder Büros. Das ist natürlich viel komplexer, und nimmt mehr Zeit in Anspruch.

Sie haben in einem letzten REGAL-Interview von einem anhaltenden Expansionstempo von sechs bis acht Standorten gesprochen.
Das ist weiter so. Wir wollen jährlich zumindest fünf Märkte ans Netz bringen. Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Der Wettbewerb in Österreich braucht uns, wir haben noch Potenziale und es gibt noch genügend weiße Flecken in Österreich.

Das Fernziel?
Das gibt es nicht. Wir wollen uns hier nicht einengen, aber ich denke, dass eine Endausbaustufe rund um die 300-Filial-Marke liegen wird. Mit dem Ende des Geschäftsjahres werden wir bei 244 landen.

Und die Modernisierung?
Wir haben hier außergewöhnlich viel investiert und unser gesamtes Filialnetz modernisiert. Jetzt sind wir durch und werden auf ein normales Modernisierungstempo schalten.

Das heißt, Sie werden auch die Investitionssummen – zuletzt jährlich rund 100 Millionen Euro – zurückschrauben?
Im Gegenteil. Es wird heuer ein außergewöhnliches Investitionsjahr mit deutlich über 100 Millionen Euro, da wir unser Logistikprojekt in Großebersdorf voranbringen.

Die Entscheidung den Lagerstandort in Müllendorf (Burgenland) aufzugeben …
… war eine strategische. Die notwendigen Kapazitäten hätte es in Müllendorf nicht gegeben. Das neue Projekt sieht drei Mal so viele Palettenplätze vor wie die bestehende Logistikdrehscheibe. Dazu zählt die Nähe zu Wien, wo wir bereits jetzt fast 50 Märkte am Netz haben und noch expandieren wollen.

Wie viele Filialen können von Großebersdorf bedient werden?
Im Endausbau über 100 Filialen im Großraum Wien, Niederösterreich, Burgenland bis hin in Teile der Steiermark.

Was passiert mit dem bestehenden Lagerstandort in Müllendorf?
Wir werden 2021 den neuen Standort in Großebersdorf hochfahren und mit dem gleichen Tempo Müllendorf vom Netz nehmen. Die Immobilie gehört uns und wird danach verwertet. Da werden wir bestimmt eine sinnvolle Lösung finden.

Sind Nachhaltigkeitsmaßnah­men nur eine leidige Hausübung?
In keinem Fall. Das ist Teil unserer DNA und eingeschriebener Teil unserer Unternehmenskultur und -Strategie. Die Beschäftigung mit den Ressourcen ist für Lidl fundamental und umfasst den kompletten Konzern. Wir stellen uns dieser Verantwortung und haben dementsprechende bindende Ziele im gesamten Unternehmen ausgegeben. Bestes Beispiel ist unsere 360 Grad Plastik-Vermeidungs-Strategie, die wir konsequent verfolgen und umsetzen.

Den täglichen Bedarf 100 Prozent bei Lidl Österreich zu beziehen, geht das?
Ja klar, ich bin das beste Beispiel. Ich ernähre mich zu 95 Prozent von Lidl, brauche keine Mega-Märkte, fühle mich bei unseren Standorten wohl und kaufe vielleicht zusätzlich noch ein paar Schmankerl auf Märkten oder in Feinkostgeschäften ein. Ich bin nicht nur Fan, sondern auch Konsument unseres Sortiments – jedes Kilo von mir (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch.

Herbert Schneeweiß