Frank Eilers, Job-Experte und Keynote-Speaker

Frank Eilers, Job-Experte und Keynote-Speaker über „Handel im Wandel – Arbeit und Ausbildung neu gedacht“

Warum sich Mut lohnt ...

  • Andere Wege im Recruiting und in der Arbeit
  • Paradigmenwechsel: Die Arbeit muss sich dem Leben anpassen

Augenöffnend war gleich die erste Anekdote von Job-Experten Frank Eilers. „Seit 2007 werden immer mehr Smartphones verkauft. Seit 2007 gehen die Kaugummi-Umsätze zurück.“ Der Grund dafür? Ablenkung. „Wir sind permanent abgelenkt. Besonders im Supermarkt an der Kasse. Wir legen die Ware aufs Förderband und checken E-Mails, Whatsapp und Co.“ Irgendwann meldet sich dann die Kassiererin zu Wort und reißt Konsumenten wieder aus der digitalen in die reale Welt. Die Impulszone im Kassenbereich wurde übersprungen. „Hätte man vor zwölf Jahren den CEO eines Kaugummi-Unternehmens gefragt, wie die Entstehung des Smartphones sein Geschäftsmodell verändert, hätte niemand den Zusammenhang erkannt.“ Das Fazit: Künftige Entwicklungen und Zusammenhänge werden unberechenbarer. Wissen wird relativ. Dinge gehören plötzlich zusammen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Wie verändert uns das?

Mensch. „Wir verändern uns massiv. Es gibt viele Beispiele.“ Eines davon ist die Partnersuche über Online-Plattformen anstatt Face-to-face-Kennenlernen in der Bar. Eilers Hypothese dazu: „Weil es das gibt, verändert sich alles.“ Zweites Beispiel: künstliche Intelligenz, die nach bestimmten Algorithmen Job-Angebote an Social Media Profile verschickt.

Recruiting. Nicht nur die Menschen verändern sich, auch die Arbeit. Begonnen mit dem Recruiting-Prozess. Das Beispiel: Die Initiativbewerbung eines Programmierers, der alle Infos über seine Homepage bereitstellt. Die gesamte Personalabteilung sieht sich die gut gemachten Inhalte an und ist begeistert. Eine Einstellung erfolgte dennoch nicht, weil eigentlich kein Programmierer gebraucht wird.

Kreativ. Die „neue“ Arbeitswelt reicht von Laptop und Smartphone am Schreibtisch bis hin zu „weniger arbeiten“. Auf die Utopie der Podcasts, die die Arbeit übernehmen, reagieren alle unterschiedlich. „Futuristen freuen sich über mehr Freizeit, Skeptiker fürchten sich vor Arbeitslosigkeit.“ Die Furcht ist, laut Eilers, unbegründet. Standardisierte Vorgänge können ersetzt werden, die Zukunft liegt in kreativen Tätigkeiten. „Repetitive Arbeit kann die künstliche Intelligenz übernehmen.“

Wie gehen wir damit um? Es gibt den technologischen und den strukturellen Part. Prozesse müssen überdacht werden. „Analog A muss nicht zu Digital A, sondern kann zu Digital B werden.“ Jobs – und damit auch deren Anforderungsprofile – können nicht mehr geradlinig verstanden werden. Job-, Organisations- und Branchengrenzen verschwimmen, Berufe wachsen zusammen. Ein Beispiel ist der Banker, der auch programmieren können muss. Ein anderes Beispiel ist die Kooperation von Daimler und BMW.

Paradigmenwechsel. Die Fragen, die sich daraus ableiten: Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir leben? „Heute ist es für immer mehr Menschen möglich zu sagen: Meine Arbeit muss sich meinem Leben anpassen. Das ist ein Paradigmenwechsel, von dem viele Unternehmen nichts hören wollen.“ Das größte Problem ist: Wir reagieren. „Ich würde mir wünschen, dass wir in die Aktion kommen.“ Das erfordert Beidhändigkeit von Organisationen, gerade in Bezug auf das Personal.

Mensch. Denn im Spiel zwischen Mensch und Maschine ist sich Eilers sicher, wer das Rennen macht. „Der Mensch wird immer der Kern sein.“ Genau deshalb gehe es darum, wie wir Menschen begegnen. Die These vom nicht arbeiten wollenden Mitarbeiter müsse umgedreht werden. „Wenn ein Unternehmer denkt, dass er Mitarbeiter hat, die im Sinne des Unternehmens handeln wollen, dann gebe ich ihnen Handlungsspielraum und Selbstkontrolle, Engagement und Initiative.“

Der Blick über den Tellerrand ist dabei unerlässlich. Ein konkretes Beispiel dafür: Die Geschäftsführer der Ottakringer Brauerei und des Kondom-Start-ups „Einhorn“ tauschten zwei Wochen lang ihre Posten. „Warum gibt es das nicht öfter?“, fragt Eilers, und führt zum nächsten anschaulichen Beispiel, das sich wieder demRecruiting widmet. Dieses Mal auf eine ganz konkrete Problematik bezogen: Fachkräftemangel.

Kreativ und mutig sein. „Anders ist besser als besser, sagte ein Trendforscher-Kollege von mir. Wir wollen alles immer besser. Warum nicht einmal anders?“ Konkret: Warum nicht einmal Industrie-Programmierer über das Wacken-Festival suchen? Ein deutsches Unternehmen schaltete eine Stellenanzeige und verloste unter den eingehenden Bewerbungen eine Karte für das ausverkaufte Open Air. Statt bisher null trafen über 40 Bewerbungen ein. Eilers Fazit: „Wir müssen mehr Kind sein und auch Ideen zulassen, die auf den ersten Blick etwas verrückt erscheinen.“

Verena Widl