Rewe-Vorstand Mag. Marcel Haraszti im großen REGAL-Gespräch

Rewe-Vorstand Haraszti im großen REGAL-Gespräch

300 Millionen Euro investiert die Rewe heuer. Doch wo steuert der Mega-Tanker künftig hin? Weniger Aktionen, mehr Kompetenz für Marktmanager, größere Billa- Märkte, gesunde Kaufleute, Expansion in Wien, Oberösterreich und im ­Westen.

REGAL: Der Rewe ging es im ersten Quartal sehr gut. Sie haben immer wieder betont, Wachstumsführer sein zu wollen.
Marcel Haraszti: Wir halten daran fest, dass wir Wachstumskaiser werden möchten. Wir haben alle notwendigen Maßnahmen auch eingesteuert und entwickeln uns sehr zufriedenstellend. Unser Anspruch war, dass wir nachhaltig wachsen.

An welchen Schrauben wurde und wird gedreht?
Wir brauchen eine starke vertriebliche Leistung auf hohem Niveau. Das beginnt bei der Verfügbarkeit und Basisleistungen, wie Sauberkeit, Freundlichkeit bis hin zu perfektem Service in der Bedienung. Wichtig ist außerdem ein kundenorientiertes Sortiment mit einem Mix aus Eigen- und Industriemarken. Wir brauchen ein kundenfreundliches und kein industriegesteuertes Sortiment, eine vernünftige Preisstrategie, eine klar verständliche Aktionslogik und einen klaren Markenauftritt.

Schauen wir auf die einzelnen Vertriebsschienen. Wie sind Sie mit der Entwicklung von Billa zufrieden?
Als Kaufmann gehört das Jammern dazu. Wir sind nie zufrieden. Unsere 1.100 Filiale mit 1.200 m2 steht seit kurzem in Kärnten. Auch heuer haben wir einen großen Umbau-Plan umgesetzt und bis Jahresende abgeschlossen. 41 Filialen werden umgebaut, 31 neu eröffnet. Es freut uns, dass wir immer größere Standorte haben. Wir setzen sehr stark auf Erweiterungen. Wir investieren viel in Billa.

Wie viel Kompetenz sollen Marktmanager künftig bekommen?
Unsere Vision ist: Ein Marktmanager muss denken und handeln wie ein Kaufmann. Er muss vor Ort gut vernetzt sein und spüren, was seine Kunden wollen. Er muss selbst und ständig den Markt führen und verantwortet nicht nur viel Umsatz, sondern auch viele Mitarbeiter.

Reicht das bis hin zu mehr Spielraum bei der Sortimentsgestaltung?
Wir bauen regionales und lokales Sortiment aus. Der klassische Listungsprozess läuft über die Zentrale, aber die ­Kontaktanbahnung übernehmen die Marktmanager.

Und bei Merkur ist Rewe noch einen Schritt weiter.
Die Selbstständigkeit der Marktmanager ist die historische Stärke von Merkur. Wir haben zum Beispiel sehr individuelle Schlichtpläne für die einzelnen Merkur-Märkte und maßgeschneiderte Regal-Meter. Aber auch bei Umbauten und neuen Konzepten wird viel mitgeredet. Wir holen die Marktmanager auch oft zu uns in die Zentrale und sind aktiv im Austausch. Egal ob bei Billa oder Merkur: Wir müssen wieder schauen, dass wir nicht nur Leute von der Uni zu uns in die Zentrale holen, sondern auch aus unseren Filialen. Das Gleichgewicht zwischen Akademikern und Praktikern muss stimmen.

Ist ein Billa- oder Merkur-Kaufmann in Zukunft möglich?
Unsere Mutter ist eine Genossenschaft mit vielen Kaufleuten. Kaufleute haben das Rewe-Wachstum in Deutschland stark angeschoben. Das Kaufmannsmodell läuft erfolgreich bei uns mit Adeg. Natürlich ist es immer Thema, ob wir das Modell in andere Formate integrieren. Aktuell ist das noch nicht der Fall, wir haben genug andere Hausaufgaben zu tun. Ich möchte es aber nicht ausschließen, dass es künftig auch einen Billa-Kaufmann gibt.

Wie sieht der Expansionsplan für Merkur aus?
Wir haben dieses Jahr zwei Standorte eröffnet. Es hätten gerne ein paar mehr sein können, aber das ging aus Genehmigungsgründen nicht. Unser Plan sind fünf bis sieben pro Jahr. Wir haben dieses Jahr sieben Komplettumbauten gemacht. Wir werden diesen Umbau-Plan nächstes Jahr fortsetzen. Was wir vermeiden wollen, sind jegliche Investitionsstaus.

Wird der Weg in Richtung kompakte Märkte weiter beschritten?
Am liebsten hätten wir immer einen Standard-Merkur-Markt, aber das geht natürlich nicht überall. Wir werden auch in Zukunft etwas kleinere Märkte machen, aber Ziel ist, über 1.500 m2 Verkaufsfläche zu ­bleiben.

Bei Billa werden die Flächen ­größer.
Wir gehen hier bis zu 1.500 m2. In Summe sind es 14 Märkte, die mittlerweile über 1.000 m2 groß sind. Zum Jahresende kommen wir auf knapp 20 Billa-Standorte, die so groß sind.

Hat es eine Kannibalisierung von Billa und Merkur gegeben?
Nein, auch die kleineren Märkte haben ihre Existenzberechtigung. Allerdings können wir bei unter 1.500 m2 schwer unser Sortimentsbild bei Merkur darstellen.

Bei Billa war immer die Rede von 1.200 Märkten als Ziel.
Lieber 1.199 coole Standorte als 1.250 mit 60 lahmen Enten. Also so eine ­Taktzahl gibt es bei mir nicht.

Wo liegt der Eigenmarken-Anteil?
Knapp unter 30. Aber es geht nicht um Zahlen. Eigenmarken haben inzwischen eine sehr innovative Aufgabe, man kann mit ihnen sehr gut Trends setzen. Aber genauso hat man meistens verlässliche Industriepartner, mit denen man sich konzeptionell weiterentwickeln kann. Der Klassenkampf ist ein bisschen lächerlich. Die Ko-Existenz ist mehr als berechtigt. Nicht alle Industrielieferanten sind sehr innovativ. Mit Eigenmarken spornt man die Lust auf Innovation sehr an.

Vor einigen Jahren war die Stimmung bei Adeg-Kaufleuten weniger gut. Wie sieht es aktuell aus?
Jetzt ist sie sehr gut. Wir sehen eine sehr positive Entwicklung bei den Kaufleuten in den letzten Jahren. Ich bin ein Riesen-Fan der Kaufmannsidee. Mich begeistert, dass sich Kaufleute immer Gedanken machen, wie der Kunde noch mehr begeistert werden kann. Egal ob über gastronomische Ansätze oder das lokale Sortiment. Und, dass sie kostenorientiert sind. Ein Umbau ist nie hinausgeschmissenes Geld, sondern immer gut investiert. Das Konzept hat Zukunft.

Können bei den derzeit 280 gebrandeten Adeg-Märkten noch große Sprünge ­erreicht werden?
Ich glaube, dass wir noch einige Kaufleute dazugewinnen können. Der Kaufmannsberuf wird immer interessanter – auch für Quereinsteiger und junge Leute. Es ist die ländliche Interpretation von Start-up. Die Kombination mit einem Großunternehmen wie der Rewe gibt zudem Sicherheit. Die große Herausforderung ist, die richtigen Standorte zu finden.

Wie sehen die richtigen Standorte für einen Adeg-Kaufmann aus?
In erster Linie muss sich der Kaufmann die Miete leisten können. Mit nur einem Markt muss es risikofreier ablaufen als mit mehreren Standorten. Die Fläche muss passen. Wir reden hier von idealerweise 400 bis 500 Quadratmetern. Auch Einzugsgebiet und Mitbewerber-Situation müssen stimmen.

Es gibt derzeit wieder ein klares Bekenntnis zu AGM. Das war nicht immer so.
AGM ist schon seit Jahren ein wichtiger Bestandteil, wenn auch nicht unser Kerngeschäft. Wir haben zuletzt viel Geld in die Hand genommen und den Markt in Spittal/Drau umgebaut. Es gibt einfach einen Trend von der Abholung Richtung Zustellung. Wir sind in Österreich bundesweit vertreten.

Ein Verkauf von AGM steht also nicht zur Debatte?
Nein.

Warum ist das Tankstellen-Geschäft so attraktiv geworden in den letzten Jahren?
Da gibt es mehrere Gründe. Zum einen die Öffnungszeiten, die die antiquiertesten Europas sind. Die Tankstellen haben sich konzeptionell sehr weiterentwickelt in den letzten Jahren. Unsere neueste Partnerschaft mit Shell besteht mittlerweile auch schon über ein Jahr und umfasst 60 Standorte. Wir sind ein Partner, der berät und das Know-how der Betreiber schätzt.

Sie haben immer wieder betont, Rewe-intern mehr Synergien eingehen zu wollen. Was waren hier die wichtigsten Schritte in den letzten Monaten?
Wir wollen uns nicht untereinander kannibalisieren. Wir müssen dort Synergien heben, wo es solche gibt. Es gibt deshalb eine Geschäftsleitung, wo alle Vertreter der Handelsfirmen sitzen. Wir arbeiten enger im Bereich der Sortimente und Aktionen, aber auch der Strategien. Erfolge, die in der Vergangenheit auf Kosten anderer gefeiert wurden, sehen wir jetzt sehr kritisch. Wir haben ein Recruitingcenter anstatt vier, ein Callcenter anstatt vier und eine Kundenkarte anstatt vier. Das ist immer ein Prozess, den man aushalten muss. Ähnlich ging es uns bei der Bündelung des Wareneinkaufs. Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen.

Die Politik lässt sich immer wieder etwas einfallen für den Handel. Zuletzt einen Vorschlag für eine gesetzliche Regelung gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln. Was wären im Gegenzug Ihre Ideen bzw. Wünsche an die Politik?
„Der Handel muss“ ist einfach. Wir haben zwar zwei Millionen Kundenkontakte pro Tag, aber trotzdem muss auch der Kunde wollen. In Sachen Lebensmittelverschwendung ist schon einiges passiert und der Handel in Vorleistung gegangen. Die Rewe wünscht sich, dass die Politik mit der Zeit und dem Kunden geht. Wir können uns nicht vor dem Online-Handel schützen, indem wir mit Protektionsmaßnahmen agieren. Wir müssen dem stationären Handel den Spielraum zur Wettbewerbsfähigkeit geben. Wenn sich sogar die Wirtschaftskammer für strenge Öffnungszeiten stark macht, ist das positiv für das internationale Online-Geschäft.

Stichwort Raumordnung.
Man muss sich neue bauliche Konzepte überlegen. Bedenklich wird es aber dann, wenn die Raumordnung nur deshalb zuschlägt, um Wettbewerb zu verhindern, was gerne im Westen Österreichs der Fall ist.

Was sind die Lösungen der Zukunft?
Hybride Konzepte mit einem ­Seniorenheim oder einem Kindergarten über dem Supermarkt beispielsweise. Wir können noch viele Standorte überbauen und suchen hier auch Kontakt zu Städten und Ländern. Flächen- und Dächerbegrünung, Niedrigenergie-Bauten oder CO2-neutrale Gebäude sind wichtige Themen. Das machen wir auch ohne Vorschriften aus der Politik. Die Vorlaufzeit für Projekte dieser Art ist natürlich wesentlich länger und diffiziler.

Verändern sich die Investitions­kosten wesentlich durch diese neuen Bau- Konzepte?
Wir sind bereit, höhere Investitionen zu tragen für innovative Konzepte – schauen aber schon, dass wir uns auf das Kerngeschäft konzentrieren und auch Kooperationen mit Bauträgern und Partnern eingehen. „08/15 Schachteln“ werden nicht mehr gebaut.

Die Geschäftsdichte in Österreich ist hoch. Finden Sie noch immer die vielbesprochenen weißen Flecken auf der Landkarte?
Interessanterweise ja. Durch jährlich 30.000 Menschen, die neu nach Wien ziehen, entsteht hier ständig eine neue Nachfrage. Ähnlich ist das im Speckgürtel rund um Wien, von Wiener Neustadt bis Tulln. Wir haben aber auch weiterhin Potenzial in Oberösterreich. Da sind wir nicht ausreichend vertreten. Und in Salzburg etwa sehen wir für Billa und Merkur großes Potenzial.

Eines Ihrer Vorhaben war die Senkung des Aktionsanteils.
Es gibt zumindest keinen Anstieg mehr. Wir sehen Möglichkeiten, dass durch vernünftige Sortimentsarbeit, Aktionitis langfristig eingedämmt werden kann. Ein Baustein dafür ist die Jö-Karte, mit der zielgruppenorientiertere Werbung gemacht werden kann. Aber natürlich dauert es etwas, aus dem Aktionstool-Dschungel wieder herauszukommen.

Gerade bei Obst & Gemüse hat Rewe einiges investiert. Es gibt auch immer wieder Ideen, diese Warengruppe steuerlich zu entlasten.
Frische, Regionalität und Bio müssen leistbar sein. Steuersenkung macht immer Sinn, wird aber nicht kommen. Wir haben bei Obst und Gemüse Preise angepasst, aber auch die Verfügbarkeit verbessert und die Frische im Regal optimiert. Für uns ist O&G Fokus.

Stichwort Innovationen. Was wünsche Sie sich von der Industrie?
Wir sind ein langjähriger Partner der Industrie. Wichtig ist, dass das Produkt nicht in die Regale kommt, bevor es nicht zu Ende gedacht ist. Eines ist klar: Wir wollen die Ersten sein, die innovative Produkte im Regal haben. Deshalb haben wir jetzt auch den Bereich Ware herauskristallisiert. Wir sind damit schneller und unbürokratischer.

Abschließend noch zu Jö. Wie ist der Start geglückt?
Wir haben aktuell über 3,4 Millionen Karteninhaber. Wir sind damit mit einem Schlag das größte Multipartnerprogramm Österreichs und bekommen auch dieses Jahr noch zwei Top-Partner dazu. Die Systematik ist österreichisch. Wir glauben an das Konzept. Der Österreicher will sammeln, aber noch lieber einlösen. Knapp eine Million haben sich übrigens die Jö-App heruntergeladen.

Die Industrie findet nicht nur positive Stimmen zum neuen Kundenbindungsprogramm.
Wir bieten der Industrie Informationen und Daten, die sie davor nicht hatten. Jene Lieferanten, die partizipieren wollen, können es. Alle, die es nicht wollen, müssen es nicht. Jene, die das Programm verstanden haben, waren begeistert.

Danke für das Gespräch.
Interview: Herbert Schneeweiß, Verena Widl